Vom Ankommen – Unterwegs auf dem Wanderweg der deutschen Einheit

Fast täglich hat Facebook eine Erinnerung für mich, selten welche, die wirklich von Interesse sind. Vor einiger Zeit aber wurde ich dort mit einer für mich wirklich bedeutsamen Erinnerung überrascht und auf eine kleine Reise in die Vergangenheit geschickt.

Im Juli 2014 hatte ich Großes vor: Zu Fuß vom Siebengebirge aus über 600 km bis ins Erzgebirge laufen. Die Idee geisterte schon über ein Jahr in meinem Kopf herum.

Meine Leidenschaft fürs Wandern entdeckte ich im Erzgebirge während eines Praktikums im Erzgebirge. An freien Wochenenden unternahm ich, immer begleitet von meiner Hündin Lua, verschiedene Tagestouren in der Umgebung, wobei ich neben den regionalen Wandermarkierungen immer wieder auf das Wanderzeichen des „Wanderweges der deutschen Einheit“ stieß. Da ich vorher noch nie etwas von diesem Wanderweg gehört hatte, wurde ich neugierig und begann zu recherchieren. Den Wanderweg der deutschen Einheit gibt es seit 1990 und er verläuft ausschließlich auf Trassen bereits vorhandener Wanderwege. Er verbindet Aachen, die westlichste Stadt Deutschlands, mit der östlichsten deutschen Stadt Görlitz und ist etwa 1.035 Kilometer lang. Die Schirmherrschaft des Weges hat der Sauerländische Gebirgsverein übernommen. Über die Internetseite www.sgv-groenebach.de lässt sich der Wanderführer „Deutschland – Quer“ bestellen, der auf 110 Seiten kurze Beschreibungen der 40 Etappen und Adressen für Übernachtungen enthält.

Das Logo des Wanderweges im Erzgebirge

 Im Bonner Raum verläuft der Wanderweg ein Stück auf dem Rheinsteig und geht damit auch fast an meiner Haustüre vorbei. Fasziniert von dem Gedanken, zu Fuß meine ehemalige Praktikumsstelle im Erzgebirge zu besuchen, begann ich mit der Planung. In 25 Etappen zwischen 23 und 34 Kilometer wanderte ich die Strecke von Königswinter bei Bonn bis zur Naturschutzstation in Pobershau im Erzgebirge. Zusätzlich waren zwei Ruhetage eingeplant. Da ich nach einer langen Etappe nicht noch nach einer Unterkunft suchen wollte, buchte ich alle Übernachtungen vorher. Wenn man mit Hund wandert, ist es meist ratsam, Übernachtungs-möglichkeiten vorher abzuklären.

„Nur wo du zu Fuß warst, da warst du wirklich.“

Immer wieder hatte ich vorher darüber nachgedacht, mit wem ich mir vorstellen könnte, dieses Abenteuer zu bestreiten. Die Liste möglicher Kandidaten war doch eher überschaubar. Ich wollte die Strecke schaffen und mich nicht zu sehr von anderen abhängig machen. Und so brach ich dann schließlich nur in Begleitung meines Hundes auf.

Das erste Stück meines Weges fällt buchstäblich ins Wasser und so geht es bis zum Rothaargebirge nur durch strömenden Regen. Trotz aller Planung vorab hatte ich nicht bedacht, dass es auch im Juli tagelang regnen kann.

Mein treuer Wanderhund
Hermelin unterwegs

Danach wird das Wetter zum Glück besser und die Strecke, die teilweise auf dem Rothaarsteig durch das Rothaargebirge und über den Kahlen Asten führt, ist gut zu laufen. Vor dem Aufstieg zum 841,9 Meter hohen, kahlen Gipfel eskortiert mich ein Hermelin, das über eine Strecke von etwa einem Kilometer immer in Sichtweite vor uns den Weg entlang läuft. Auch Wiesel wissen also die Vorzüge einer guten Streckenführung zu schätzen.

Verläuft der Weg von Bonn bis nach Winterberg hauptsächlich durch den Wald, verändert sich kurz vor der Grenze nach Hessen die Landschaft. Zwar gibt es immer wieder waldige Abschnitte, doch über viele Kilometer geht es nun über offene Felder. Mit der Landschaft wechseln auch die Tiere und so kann ich auf dem Teilstück viele Feldvögel und Schmetterlinge fotografieren, auf die man im Wald eher selten trifft. Für den ersten Ruhetag verlasse ich den eigentlichen Wanderweg und gönne uns einen Tag Pause am Edersee. Mittlerweile zeigt der Juli mit über 30 °C, was er kann und Mensch und Hund genießen die Abkühlung am See.

Uralte Buchen...
und zugewachsene Wege in der Mitte Deutschlands.

Zurück auf dem Weg wartet eine vielfältige Landschaft mit tollen alten Buchenwäldern im Kellerwald und reifen Kornfeldern mit Obstbäumen und Kornblumen am Feldrand. Die Wege sind zum Teil hüfthoch mit Gras zugewachsen, was es nicht immer einfach macht, die Wegmarkierung zu finden und mir manchen zusätzlichen Kilometer beschert. Aber die Wegstrecke selbst ist wunderschön. In Bad Wildungen ist gerade Viehmarkt, als ich dort übernachte, und von meiner Unterkunft aus oben am Berg kann ich abends wunderbar auf das bunte Treiben herabschauen. Obwohl der Jahrmarkt lockt, mögen mich meine Füße nicht mehr hinuntertragen an diesem Tag. Der Weg überquert die Fulda bei Melsungen und über die Bartenwetzerbrücke gelangt man in die wunderschöne Altstadt mit ihren bezaubernden Fachwerkhäusern.

Die Fulda bei Melsungen

Die deutsche Teilung ganz nah erleben

Ein Stück deutsche Geschichte erlebe ich hautnah am Heldrastein, der für mich ein besonderer Ort auf dem Wanderweg ist. Der 503,8 Meter hohe Berg liegt direkt an der hessischen Grenze in Thüringen. Während der Zeit der deutschen Teilung lag er im DDR-Grenzsperrgebiet und war ab 1952 für die Bevölkerung nicht mehr zugänglich. 1962 wurde dort eine Abhöranlage gebaut, die 1996 in einen Aussichtsturm, den Turm der Einheit, umgebaut wurde.

Ich bin 1988 geboren. Natürlich weiß ich, dass Deutschland geteilt war. Aber so richtig vorstellen konnte ich es mir bisher nicht, dass dieses offene Land ohne Grenzen noch vor so kurzer Zeit eine innerdeutsche Grenze hatte. Hier am Heldrastein und in den folgenden Tagen nehme ich diesen Teil der deutschen Geschichte das erste Mal wirklich wahr und kann es dennoch kaum glauben, geschweige denn mir vorstellen, was das für die Menschen vor allem hier in den damaligen Grenzgebieten bedeutet haben muss. Von nun an bleibt der Hauch der Geschichte mein Begleiter, wenn ich auf Wegsteine treffe, auf denen steht „Der Kammweg ist frei“ oder ich auf alten Rasengittersteinen wandere, auf denen Panzer den Eisernen Vorhang kontrollierten.

Das weiße R des Rennsteigs
Typisches Bild auf dem Rennsteig

Noch weiter zurück in die Geschichte geht es in den folgenden Tagen auf dem Rennsteig. Die erste Erwähnung des Weges findet sich in einer 1330 ausgefertigten Urkunde. Und auch unterwegs stehen viele Zeitzeugen in Form von Grenzsteinen. Die meisten stehen seit etwa 250 Jahren dort, aber einige tragen auch verwitterte Wappen und Jahreszahlen aus dem 16. Jahrhundert. Der Rennsteig führt als Kammweg auf einer Höhe von rund 500 bis 970 Metern durch den Thüringer Wald und sein weißes R führt Wanderer 168,3 Kilometer von Hörschel am Ufer der Werra nach Blankenstein. Nach der Tradition nehme auch ich einen kleinen Stein aus der Werra mit und werfe ihn am Ende des Rennsteigs begleitet von einem Wunsch in die Saale. Der Rennsteig beschert mir noch einen ganz besonderen Moment. Hoch oben am Himmel zeichnet sich eine große, dunkle Silhouette ab: mein erster Schwarzstorch.

Schwarzstorch

 Am Ende des Rennsteigs bin ich etwas wehmütig. So gut hat mir dieser Teil der Wanderung gefallen mit seinen allgegenwärtigen alten Grenzsteinen.

Kurz führt mich der Weg durch Bayern, dann geht es weiter durch Sachsen als fünftes und letztes Bundesland der Wanderung. Der Weg führt nun auf dem Erzgebirgskamm in langen einsamen Etappen immer an der tschechischen Grenze entlang.

Beeindruckend die Herzlichkeit der Menschen

Unterwegs trifft man manchmal Engel. Es gibt immer wieder Momente, in denen man körperlich an seinen Grenzen ist, den Weg nicht findet oder sich einfach fremd fühlt. In Klingenthal treffe ich das zweite Mal während meiner Wanderung auf „Weg-Engel“. Nach einer langen und anstrengenden Etappe übernachte ich bei einem älteren Ehepaar, die hoch oben über der Innenstadt wohnen. Hier gibt es natürlich keine Restaurants und noch einmal runter in die Stadt schaffe ich heute nicht mehr. Auf meine Frage nach einem Lieferdienst ernte ich irritierte Blicke. Ja, ich bin eben doch ein Stadtkind. Und dann bekomme ich ein wunderbares Essen aus Kartoffeln, Eiern und Tomaten angeboten und es schmeckt herrlich. Und solche Taten entscheiden unterwegs, ob es ein guter Tag wird oder nicht. Auch frühstücken darf ich mit den beiden am nächsten Morgen an ihrem Essenstisch und bekomme alte, schwarzweiße Familienfotos gezeigt und Geschichten von früher erzählt. Viel zu spät starte ich auf meine nächste Etappe, aber das war es wert.

Ab Oberwiesenthal erkenne ich immer wieder Teilstücke der Strecke, denn hier war ich während meines Praktikums schon wandern. Das fühlt sich nach den Wochen unterwegs fast ein bisschen wie nach Hause kommen an. Je bekannter mir die Gegend wird, desto mehr wird mir klar, dass es bald zu Ende ist, mein wunderbares Deutschland- Abenteuer.

 Als ich los lief, schienen mir vier Wochen und über 600 km unendlich lang und weit. Nur begleitet von meinem Hund auf einem sehr wenig gelaufenen Wanderweg fühlte ich mich zwischendurch einsam. Natürlich genoss ich Landschaft und Natur unterwegs, aber es ging doch auch um „Kilometer fressen“ und am Ende der Etappe ankommen. Ich kann mich nicht genau erinnern, wann sich dieses Gefühl geändert hat. Auf jeden Fall erwischte ich mich zunehmend bei dem Gedanken, eben nicht ankommen zu wollen. Schon abends natürlich in der Unterkunft, aber nicht am Ende meines Weges, am Ende dieser vier Wochen unbegrenzter Freiheit. Dieses Gefühl wurde zum Ende des Weges so stark, dass ich überlegte, einfach weiterzulaufen…. aber mir war klar, dass ich irgendwann „anhalten“ musste, zurück nach Hause und ins normale Leben. Und so fand meine große Deutschland-Wandertour wie geplant nach über 600 gelaufenen Kilometern an der Naturschutzstation im Erzgebirge ihr Ende.

Seitdem hat der bis dahin auf mich immer platt wirkende Spruch „Der Weg ist das Ziel“ eine völlig neue und erlebte Bedeutung bekommen. Denn genau darum ging es. Was als zu bewältigende Herausforderung begann, die man etappenweise Tag für Tag gemeistert hat, wurde schließlich zu einer viel bedeutsamere Erfahrung. Jeden Tag bewusst wahrnehmen, keinen als selbstverständlich nehmen und vor allem keine der Etappen einfach nur abzuhaken. Mehr im Moment sein als gedanklich schon bei der nächsten Etappe. Das bedeutet für mich heute

„Der Weg ist das Ziel“.

Schreibe einen Kommentar

Menü schließen