Mallorca zu Fuß – Quer durch die Serra de Tramuntana

Kein anderer Ort in Europa steht mehr für Massentourismus als die größte Insel der Balearen, alle 80 Sekunden bringen die Flugzeuge im Sommer neue Touristenanstürme nach Palma. Im Schnitt verbringen zwei Millionen Menschen pro Jahr ihren Urlaub in den Hotels, Clubs und an den Stränden der Insel. Das dies seine Spuren hinterlässt ist selbstverständlich.
Ja, das ist auch in Mallorca. Und ja. die Socken passen zum Bufftuch

Kein Wunder also, dass die meisten Menschen denen ich erzähle, dass ich meine freien Tage im Herbst auf der Insel verbringen werde entweder dies mit mir im All-Inklusive Hotel assoziieren oder aber diejenigen, die mich besser kennen zunächst die Stirn runzeln. Doch mein Plan steht: Ich will die andere Seite von Mallorca kennenlernen, die wilde und freie Natur, ich möchte die Einsamkeit in den Bergen suchen und nur aus meinem sechs Kilo (ok, neun mit Wasser) schweren Rucksack leben. Die Insel bietet wenn man die typischen Touristenhochburgen wie  Cala Ratjada, Playa de Palma und Magalouf meidet definitiv sehenswerte Orte, köstliche einheimische Spezialitäten und wunderschöne Natur. Vorlet

Ich mache mich also auf den Weg, im wahrsten Sinne des Wortes, mit dem Plan den GR221 in seiner kompletten Länge innerhalb von neun Tagen zu wandern.

Die Ruta de los Piedras Secas ( Im Deutschen der wohlklingende “Trockenmauerweg”) wird als Wanderweg GR221 bezeichnet und führt einmal vom oberen Ende der Tramuntanta bis zum unteren Ende bzw. umgekehrt. 130 km Weg führen zwischen vom im Südwesten der Insel  liegenden Port d`Adranx über historische Wege die von Köhlern, Bauern und Eissammlern (Ja! Eissammlern) genutzt wurden bis zum im Nordosten liegenden Pollenca.

Im Vorfeld gibt es einige Vorbereitungen zu treffen, neben den Flügen raussuchen und dem Rucksack schnüren bedarf es einiger Vorbereitung und Planung:

  • Da es nicht genügend Unterkünfte gibt, muss ich mich schon vor Anreise für die Wegstrecken die ich pro Tag laufen werde entscheiden, und in den dortigen Orten mir eine Unterkunft buchen. (Dadurch ist meine Reise  leider etwas unflexibel, und man kann nicht gut auf schlechtes Wetter etc. reagieren, allerdings traf ich diverse Wanderer, die verzweifelt auf der Suche nach Obdach waren, und war froh vorgesorgt zu haben.)
  • Wer kein Zelt mitnimmt, und ungern mit dem Bus hin und herfährt, muss leider an manchen Orten (Valdemossa / Banyalbulfar) im Hotel unterkommen, da es zur Zeit nur fünf Refugios (Berghütten) und eine private Wanderhütte gibt. Mir fehlt dort am Meisten der Austausch mit anderen Wanderern.
  • Da es auf fast allen Etappen keine Möglichkeit der Verpflegung zwischendurch gibt, sollte immer genügend Proviant eingepackt werden: Dies muss beim Packen des Rucksacks platz und gewichtstechnisch berücksichtigt werden.

Punkt drei ist anderesseits meiner Meinung nach sogar ein ziemlicher Pluspunkt der Route, denn man nicht auf Mallorca vermutet.

 

Dies war kein Steinmännchen und auch nicht der richtige Weg. Zum Zeitpunkt des Fotos weiß ich dies noch nicht.

Dann geht es endlich los von Port de Andratx laufe ich los, und wandere frohen Mutes Richtung Sant Elm. Mein Führer warnte noch davor, dass die ersten  Etappen lediglich mit Steinmännchen markiert seien, aber dass macht mir nichts. Vorallem schützt es mich nicht mich hoffnungslos so zu verlaufen, dass ich in einem komplett anderen Ort lande, mir meine Beine im Gestrüpp vollkommen verkratze und drei Stunden länger brauche als geplant.

 Aber aus Fehlern lernt man:  Ich verlaufe mich kein weiteres Mal, was auch daran liegt, dass ich die Beschreibung im Führer stets geradezu penibel verfolge. Hier geht mein Dank an Hartmut Engel, dem Autor des Buches. Außerdem ist der Weg spätestens ab der Etappe in Valldemossa eigentlich sehr gut auszeichnet durch Pfeiler und Wegweiser.

 

Verlassener Kornspeicher…im Regen

Der Weg führt den Wanderer durch die raue Landschaft der Tramuntana, vorbei an Ruinen ehemaliger Häuser und Unterstände von Köhlern. Man lernt einiges über die verschiedenen Berufe, die hier ausgebübt wurden. Er bietet fantastische Ausblicke über das Meer, und fordert durch teilweise sehr lange Strecken und das Erledigen einiger Höhenmeter (bis zu 1000). Man legt die Strecke meist auf steinigen Schotterpisten, Waldwegen und gepflasterten Pfaden zurück. Einige abenteuerliche Stellen , beispielsweise, wo ein Waldbrand den Weg so verschlungen hat, dass man sich den Weg zurecht klettern muss, machen den Weg noch unverwechselbarer. Nur sehr selten muss man auf die viel befahrene Landstrasse (MA10) ausweichen. Die Landschaft ist deutlich im wandel je nach Höhenlage, mal fühle ich mich wie in Lothlorien, mal vor Allem oben am Stausee Cúber sieht es aus wie in Schottland. Doch immer wieder läuft man entlang der typischen Trockenmauern, die dem Weg ihren Namen geben.  

Blick über Soller auf die nächste Etappe

Das Wetter ist natürlich ein Punkt der definitiv für das Wandern auf Mallorca spricht: Während es im Sommer definitiv zu heiss wäre hier große Strecken zu meistern, bieten sich die Frühjahrsmonate und der Herbst an. Ich war Ende Oktober Unterwegs und hatte bis auf zwei Ausnahme eigentlich sehr viel Glück mit dem Wetter. (Diese Ausnahmen beschwerten mir  einmal eine Odysee mit Bus und Taxi im klatschnassen Zustand, und einmal verwerten sie mir einen unglaublichen Ausblick nach dem Erkämpfen von 1000 Höhenmetern)

Ich genieße es zunächst in den ersten Etappen fast niemanden zu begegnen und allein auf mich gestellt zu sein. Man lauscht den eigenen Schritten, dem Klingeln der Schafsglocken und na ja auch dem Knarzen meines Rucksacks (der gute Trinkschlauch). In den späteren Etappe trifft man immer mehr Menschen, wobei auch hier vom Massentourismus keine Spur sein kann. Trailrunner, mancher Mountainbiker und ansonsten andere Wanderer die unterwegs sind. Man grüßt sich freundlich, und normalerweise kommt man auf den Hütten (Refugios) schnell ins Gespräch. Ich lerne hier einige interessante Menschen kennen, zumeist deutsch, aber auch aus den sonstigen Teilen Europas, na ja Westeuropas tummeln sich die Wanderer.

Auch das Klettererherz würde sich an diesem Weg erfreuen. Nicht selten sehe ich Kletterschuhe am Rucksack baumeln…

Der Weg ist je nach Planung der Etappen, soweit man gut zu Fuss ist sehr gut auch für Anfänger machbar. Ich selbst bin nicht die erfahrenste Bergwandererin, allerdings würde ich von mir behaupten über eine gute Grundfitness zu verfügen, weshalb mir auch längere Strecken nichts ausmachen. Allerdings merke ich speziell in den letzten beiden Tagen, das das ständige Bergabsteigen meine Füße belastet und spüre Überlastungserscheinungen.

Doch: die Schmerzen in den Füssen werden jeden Tag auf neue mit dem unglaublichen Gefühl belohnt, wenn man zurückblickt auf das was man an diesem Tag geleistet hat und die wunderschönen Ausblicke Revue passieren lässt. Auch manchmal, wenn sich ein Aufstieg sehr zieht, und einem der Gedanke aufhuscht, was man sich da gerade eigentlich im Urlaub antut, lohnt ein einziger Blick zurück und gibt einem die Antwort. Genau dafür.

Der Westen von Mallorca ist in den “Städten” die ich passiere zwar auch auf Tourismus ausgelegt, doch fehlen hier Hotelburgen und riesige Diskotheken. Man hat das Gefühl abseits davon zu sein. Die meisten, wie Deia, Banyalburfar oder Esproles sind kleine Bergdörfer: Voller sehr netter Cafés, guter Restaurants und teilweise wie gemalten Häuser. Gerade Deia bleibt mir besonders in Erinnerung.

Tapas in Sollér…Kann man machen. Im Hintergrund wie immer: Der Führer

Zu guter Letzt, und vor allem weil dies ein Herzensthema (Oder Magens-)meinerseits ist, was nicht zu verachten ist: Kulinarisch war die Reise zumeist durch einfachen Proviant in Form von Obst und Brot gekennzeichnet oder den eher sehr geschmacklosen, weil aus irgendeinem Grund ungesalzenen Brot auf den Hütten und einfachen Essen gekennzeichnet. In den Städten Valldemossa, Deia und vor allem Pollenca hab ich allerdings wirklich gut gegessen (Tapas: Unbedingt Tumbet Mallorquin essen) und man muss festhalten: Selbst auf den Hütten war es niemals ein Problem eine vegetarische oder sogar vegane Option zu bekommen.

Insgesamt waren es neun Tage wandern, die mir unvergessliche Eindrücke, gewonnene Kämpfe mit mir selbst, dem Wetter oder meinen Füßen, mehr Erfahrungen und viele Erinnerungen beschert haben. Ich würde es jedem empfehlen einmal diesen Weg zu gehen, oder Teile davon.

Ich werde bestimmt wiederkehren. Denn es fehlt mir ein Stück, und die Alternativen ab Lluc und Tossal Verde klingen zu gut.

Wer Interesse bekommen hat: Bergreif oder Alpenquerung bieten detaillierte Infos für die Planung der Reise und Tipps für den Rucksack.

Schreibe einen Kommentar

Menü schließen