Geglücktes Scheitern

Ich bouldere für mein Leben gerne. Für mich ist es schon lange kein Hobby mehr oder gar nur ein Sport.
Es wurde nach und nach zu meinem Lebensstil.
Ein Leben, das sich lohnt, auch wenn es voller Entbehrungen ist.
Ich arbeite kaum noch – was etwas Gutes ist. Dafür verdiene ich aber auch nicht mehr viel.
Gut. Das war meine bewusste Entscheidung.
So habe ich etwas gewonnen, das sehr viel wichtiger ist für mich.
Nun habe ich endlich Zeit.
Zeit, mir den Luxus zu leisten nahezu alles für mein Lebensstil zu tun.
Ich trainiere hart und viel. Ich gehe locker bis zu 16 Stunden die Woche bouldern und klettern.
Sowohl drinnen in der Halle als auch draußen am Fels.
Und so langsam bin ich an einem Punkt, an dem ich behaupten kann, dass ich recht gut darin geworden bin.
Meine Erfahrung als Trainer hat natürlich ordentlich dazu beigetragen meine Fehler auszumerzen, genauso wie das Bouldern mit stärkeren Leuten wie meinem Kletterpartner Jonas.
Oft rede ich mit anderen Menschen, während wir bouldern.
Und sehr oft sehe ich, wie Leute „scheitern“ und sich darüber hart abfucken.
Ich sehe, dass sie wütend werden oder traurig, wenn sie den Topgriff nicht erreichen.
Das „Scheitern“ ist zu viel für sie.
Also gehen sie dann nicht mehr in die harten Routen, weil sie das „Versagen“ so fertig macht.
„Lieber ein Grad drunter, aber dafür einen sicheren Flash. Ist gut für den Kopf. „
Na, wo sie recht haben…
Aber was unterscheidet den guten Boulderer vom Schlechten?
Der Gute „scheitert“ auch, aber er genießt es.
Er heißt es geradezu Willkommen, denn er weiß, dass nur das ihn stärker macht.
Um es mal hart auszudrücken:
Flashen ist bouldern unter unserem Niveau!
Nur wer das Scheitern akzeptiert und genießt, kann immer wieder in die selbe Route gehen und erleben wie er daran wächst.
Bis er sie irgendwann schafft.
Das Geheimnis ist, unser Ego nicht mehr an den Topgriff zu hängen.
Oder besser noch, wir gehen ganz ohne Ego daran.
Genießen die Bewegung an sich wieder.
Freuen uns, dass wir einen Griff weiter gekommen sind oder die Bewegung diesmal geschmeidiger war.
In meinen Augen ist scheitern eine Frage der Perspektive.
Klar kann ich mich selbst auch abfucken, wenn ich etwas nicht geschafft habe.
Die Leute, die mit mir bouldern, wissen, dass ich das mit allergrößter Leidenschaft tue.
Manche unterstellen mir gar, ich leide unter der seltenen Form des Boulder-Tourrette.
Aber all das ruiniert nur sehr selten meinen Flow. Ja, es stachelt mich sogar an noch einmal in die Route zu gehen.
Und nochmal und nochmal und nochmal.
Aber am Ende ist es nicht wichtig, ob ich es schaffe.
Ich freue mich jedes Mal, dass ich noch scheitern kann. Es belebt meinen Geist, dass ich noch wachsen kann. Mich messen darf.
Es zeigt mir, dass ich auch nur ein Mensch bin. Es erdet mich.
Wir alle scheitern. Oft und hart.
Aber wir geben nicht auf. Denn wer aufgibt, beraubt sich jeder Motivation es noch einmal zu versuchen und zu gewinnen.
Wer aber nur scheitert, kann wieder Kraft sammeln, sich fokussieren und neu aufstellen.
Er zieht sich nur zurück um siegreich wiederzukehren.
Oder wie Winston Churchill sagte:
„Die Kunst im Leben ist einmal mehr aufzustehen als ich umgeworfen wurde!“
Am Ende einer jeden Session sagen wir uns, dass heute ein guter Tag war.
Dann lächeln wir, schenken uns ein Weizen ein und reden darüber wie die Boulder waren.
Aber wir gehen nie schlecht gelaunt nach Hause.
Dafür ist dieser Sport und diese Art zu leben viel zu schön.

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