Bonner Bouldermeisterschaft

Pasqual: Es ist heiß und schwül.
Stille wohin man hört.
Vereinzelt zieht eine Duftrose der Angst durch die angespannte Luft und wühlt Staub auf.
Zum schneiden ist die Anspannung. Wie in einem Westernduell kurz vor dem Mittagsschlag.
6 Männer und 6 Frauen liegen verzweifelt entspannt am Boden im Kinderland des Boulders Habitat zum Auftakt des Finales der ersten Bonner Bouldermeisterschaft.
 
Nach einer extrem harten Qualifikationphase mit 30 wunderschönen und sackschweren Boulder, versuchen wir unsere Finger trocken zu halten, um dem Gott der schwülen Wärme nicht auch noch das letzte bisschen Haut unserer Fingerkuppen zu opfern.
Keiner von uns (naja, außer dem späteren Sieger und Simon) hat jemals ein Finale vor Publikum geklettert und wir sind alle sichtlich nervös.
Die meisten von uns haben über 25 Boulder mit locker 40 Versuchen in den Knochen. Wir sind fertig und erschöpft.
Vor uns liegen noch einmal 4 sehr schwere, aber durchaus geniale Boulder, die uns alles abverlangen werden.
Es ist eine denkbar kleines Publikum auf den Matten versammelt und erwartet uns. Aber es sind dennoch 100 Augenpaare, die uns beobachten und analysieren werden.
Und auch die Konkurrenz ist nicht von schlechten Eltern.
Aus meiner Sicht sind alle stärker und sehen auch noch fitter aus. Es wird hart für mich.
Zusammen mit Jonas habe ich es überraschend noch ins Finale geschafft.
Wettkampfvorbereitung und Bouldermanagement  haben sich ausgezahlt.
Aber ab jetzt ist es reines Ressourcenmanagement. Die richtige Anzahl der Versuche. Das korrekte Lesen der Route und genügend Strom in den Fingern und Armen ist das Wichtigste und Einzige, was noch zählt.
 
Der erste Boulderer und die erste Boulderin gehen raus zum ersten  Boulder (Mann, war das viel erster Boulder in einem Satz)
Keine Minute später kommt er wieder. Reckt die Faust: Flash!
Leichte Panik, aber auch Anflug von Freude in unseren Gesichtern.
Er hat einen Flash vorgelegt. Das muss man erstmal toppen (man beachte den gelungenen Wortwitz).
Vielleicht ist der Boulder ja auch einfach nur leicht gewesen.
Was uns alle verblüfft: Er sagt uns, was wir tun sollen. Er erzählt uns, wie der Boulder funktioniert. Was für ein Sportsgeist!
Wir alle machen das so. Jeder, der zurückkommt gibt dem Nächsten Tipps, wie er es schaffen kann. 
In welchem Finale gibt´s denn so was? Nur hier beim bouldern. Wahre Wettkampfkameradschaft
Nun komme ich dran.
Gekonnt laufe ich auf die Matte.
Als Lokalmatador werde ich angesagt, leider auch als der älteste Finalist. Danke David 😉
 
Über diesen Boulder will ich gar nicht erst reden. 
Hänge bereits am Start wie ein ahnungsloses Faultier.
Obwohl ich mir den Boulder natürlich wie alle angeschaut habe, habe ich jetzt keinen Plan wie ich diesen Dachboulder machen soll.
Vollkommener Blackout. In den Armen und im Kopf.
Zeit um.
Zurück in die Isohaft.
 
Voller enthusiastischer Demotivation stolziere ich zum zweiten Boulder. 
Ein Sprung im Überhang, genau das was ich immer gut konnte.  Leisten zum aufspannen und schultern. Sollte machbar sein.
Pustekuchen. Ich scheitere brutal am Sprung. Beim zurückpendeln in die Wand kann ich den Slopper nicht festhalten.
Verrückt, so was ist mir noch nie passiert.
Erreiche nicht mal den Bonus.
Mir schießen alle möglichen Gedanken durch den Kopf, keine guten dabei.
Scheiße, bin ich nervös. Erst jetzt realisiere ich die Leute.
Was machen die da, feuern die mich an? Das ist ja geil.
Unter dem Lärm der Massen und dem tosendem Applaus steige ich noch mal ein. Der letzte Versuch, noch 10 Sekunden auf der Uhr setzte ich zum Sprung meines Lebens an und……
Greife daneben. Lande auf der Matte der Tatsachen zurück.
Eine schnelle Verbeugung und mit ein Winken verschwinde ich um im Isolationsraum zu warten.
 
Jonas ist dran.
Ein lauter Schrei ist zu hören.
Entweder ist er tot oder er hat den Topgriff erreicht.
Das Schreitraining hat sich wohl ausgezahlt.
5 Minuten zuvor bei Jonas:
Finalboulder 1 hat mich chancenlos wieder in die Iso geschickt. Aber nicht ohne mir vorher noch Kraft und Fingerhaut zu stehlen. Dafür durfte ich dann nicht einmal den Bonus festhalten…
Von Nummer 2 erhoffe ich mir mehr: Leisten im Überhang sind schon lange meine Stärke. Allerdings bereitet mir der Dyno am Anfang Sorgen. Mit dynamischen Bewegungen stehe ich seit jeher auf Kriegsfuß. Bin ein Statiker durch und durch. Aber im letzten halben Jahr habe ich mich gezwungen eben genau das zu trainieren und nicht zuletzt durch den Ansporn von Pasqual einige Verbesserungen verbuchen können.
Aus den Fehlern von Nummer eins habe ich gelernt und lasse mir Zeit, bevor ich einfach in den Boulder einsteige. Chalke gründlich und gehe die Züge noch einmal theoretisch durch. Leider bin ich mir inzwischen aber auch des Publikums viel zu bewusst. Spüre die erwartungsvollen Blicke in meinem Nacken prickeln. Nervosität steigt auf… schnell noch einmal die Arme ausschütteln und einsteigen, bevor mich das überwältigen kann!
Die ersten Versuche am Dyno scheitern. Allerdings knapp und ich merke schnell, dass die Bewegung für mich möglich ist! Erleichterung durchströmt mich. Ein Blick zur Uhr: Noch 2 Minuten.
Durchatmen, chalken, neuer Versuch.
Diesmal halte ich den Dyno. Endorphin und Adrenalin veranstalten eine Party in meinem Kopf! Die Anfeuerungsrufe aus dem Publikum verschwimmen im Hintergrund zu einem Rauschen. Ich bin jetzt ganz Bewegung. Die ganze Welt besteht nur noch aus mir und dem Boulder und die nächsten Züge passieren einfach. Ich fühle mich fast als Beobachter meines Selbst.
Der letzte Zug: Ich prügel die letzte aufgeschulterte Leiste beiseite und schnappe nach dem Top-Sloper… und kann ihn nicht festalten! Habe nicht weit genug herumgegriffen! Im fallen schreie ich meinen Frust heraus, aber bereits während ich lande bin ich innerlich schon wieder ruhig.
Ich schnapp mir meinen Chalkbag und knie mich hin. Mit geschlossenen Augen knete ich die groben Brocken, zerreibe sie zu feinem Staub, der sich auf meine dünne Haut legt. Ich atme ein – mache in Gedanken noch einmal die letzten Züge – Ich atme aus.
Noch zwanzig Sekunden auf der Uhr. Fast bemerke ich den Hinweis des Kommentators gar nicht, so tief bin ich in Gedanken abgetaucht. Also los! letzter Versuch!
Noch einmal halte ich den Sprung, ziehe eine Leiste nach der anderen. Vor dem Top halte ich inne. Versuche meine Füße diesmal besser zu stellen, ziehe, schreie… und plötzlich hab ich den Top in der Hand! Wahnsinn, damit hatte ich nach der Schlappe von Nr. 1 eigentlich gar nicht mehr gerechnet. Mit einem dicken Grinsen auf dem Gesicht geht es zurück in die Iso.
Fazit: 3 haben diesen Boulder getoppt. 1 mal wurde der Bonus erreicht, 2 sind gescheitert und 1 hat bereits blutige Fingerkuppen.
(Ich nicht)
Ein würdiger Boulder. Ein gutes Opfer an den Gott der Fingerkraft. (er mag Fingerhaut)
Pasqual: Nummer 3 läuft besser.
Gerade Wand und riesige Griffe, die man pressen kann.
Das wird zwar Haut und Arme kosten, aber das ist ok. Der letzte Boulder sieht nach Balance aus. Also gebe ich alle Kraft, die ich habe. Brauche sie bei dem Balanceakt danach ja nicht mehr.
Ein Gedankengang fegt brennend durch mein Hirn wie heißer Sand in der Wüste.
Wir dürfen die Kante mitnehmen. Die haben vergessen ein schwarzes Tape dran zu machen. Das heißt es ist erlaubt. Diebisch freue ich mich über diese Erkenntnis, denn dass macht es ein wenig leichter.
Hänge in den Aufliegern und ziehe mich mit dem linken Fuss im Hook um die Kante und greife hin. Fuss hochgestellt und Bonus erreicht. Puh, endlich mal ein Erfolg.
Scheisse, sieht der nächste Zug weit aus.
Ich gebe alles, aber es ist zu weit. Sehe nicht, dass ich mit rechts in dem riesigen Griff links hooken muss.
Schlage auf dem Boden auf wie ein Stein.
Keine Power mehr, Arme wie Gummi. Da sehe ich auch die Blutspuren von meinem Vorgänger. Ermutigend.
Zwei frustrane Versuche später geht es wieder zurück.
Schnell noch Jonas sagen, dass er die Kante mitnehmen soll. Damit wenigstens er Erfolg hat.

Jonas: Nummer 3 sieht eigentlich recht einfach aus, aber jetzt spüre ich endgültig die harte Qualifikation und die Anstrengungen in den ersten beiden Finalbouldern. Auch das Adrenalin aus Nr.2 ist inzwischen verebbt und so ruckel ich mich mühsam aus dem Start.
In der Mitte dann: Ideenlosigkeit.
Ich stehe gut, aber der nächste Griff ist weit weg und viel zu klein um ihn dynamisch anzugehen.
Immer wieder scheitere ich an dem Zug ohne Fortschritte zu machen, werde mit jedem Zug müder.
Die Stoppuhr erlöst mich.
Bei der nächsten Bouldersession, zwei Tage später, finden wir die Lösung heraus und plötzlich ist der Boulder deprimierend einfach.

Pasqual: Der letzte Boulder.
Das ist was ich kann.
Balance, Technik, keine Kraft, nur Volumengeschiebe. Alles wohldosiert. Meine Chance zu glänzen.
Start ist keine Problem. Muss mich nun über 2 sehr flache Volumen um die Ecke schieben. Linke Hand unter ein schräges Dach gepatscht und linken Fuss auf dem Volumen.
Langsam schiebe ich mich rüber. Fühlt sich zäh an. Aber es muss jetzt klappen. Keine Kraft oder Konzentration mehr für mehrere Versuche. Der Wettkampf fordert nun endlich seinen Tribut ein.
Zu viele Boulder, zu viele Versuche. Saft- und kraftlos schaffe ich es, mich um die Ecke zu schieben und muss jetzt meinen Fuss runter auf das dortige Volumen stellen. Beide Hände um die Wand gelegt, presse ich alle Kraft in meinen Fuss und stelle den rechten runter.
Ich habs!!!! Oh Gott, ich stehe safe und kann den Bonus berühren. Euphorie schießt durch meinen Kopf, Endorphine verteilen sich im ganzen Körper. Ich versage nicht auf ganzer Linie.
Voller Übermut (ihr wisst, was jetzt kommt) schlage ich freudig mit der flachen Hand gegen den Bonus, es zählt, aber es war zu fest, ich verliere die Balance. Das war’s. Ich sitze auf dem Boden.
Gescheitert, weil übermütig. Nach müde kommt wohl wirklich doof.
Alle weiteren Versuche scheitern an der Ecke.
Jonas: In den vierten und letzten Boulder setze ich keine großen Erwartungen. Balancieren und Schieben auf abschüssigen Volumen ist nicht mein Ding. Hier steht mir vor allem mein Kopf im Weg, in dem er mir Horrorvisionen von Stürzen und üblen Schürfwunden unterjubelt.
Aber vielleicht ist mein Hirn inzwischen zu müde zum intervenieren, denn ich schaffe es im ersten versuch erstaunlich gut aus dem Start und um die erste Ecke. Der zweite Part nach dem Bonus verlangt von mir dynamisch über die nächsten beiden Volumen zu laufen und mich in der Ecke aufzufangen. Ersteres klappt, aber beim auffangen protestieren meine Rückenmuskeln und geben nach.
Mist!
Jetzt hat mich der Boulder angefixt und mit wenigen Sekunden auf der Uhr steige ich noch einmal ein. Wieder schaffe ich es gut bis zum Bonus und diesmal dosiere ich den Schwung besser. Ich lande in der Ecke und werde vom Jubel des Publikums belohnt.
Jetzt heißt es in der Verschneidung hochstützen und mit dem linken Fuß zur Hand auf dem Volumen antreten. Mit letzter Kraft presse ich mich hoch, schaffe es tatsächlich meiner Betonhüfte genug Beweglichkeit zu entlocken um den Fuß zu stellen… gebe Druck auf den Fuß… und rutsche ab.
Und plötzlich bin ich sowas von erleichtert, dass es vorbei ist! Erschöpft grinsend bedanke ich mich beim Publikum und setze mich, um den letzten beiden Finalisten zu zu schauen.
Ich bin glücklich und mehr als zufrieden. Ich hatte nicht erwartet ins Finale zu kommen und dort habe ich allen mehr Chancen eingeräumt als mir. 
Dieser Boulder soll während des Wettkampfes ungetoppt bleiben.
Erst 3 Tage später sind wir in der Lage ihn zu meistern, was ihr euch hier im Video anschauen könnt: 
Ein außerordentlicher Wettkampf kann nur durch einen außerordentlichen Fotografen festgehalten werden! Klickt auf den Button unter den Fotos und seht mehr von Nils. Ein großes Lob an ihn, dass er es geschafft hat uns hübsch aussehen zu lassen.
Pasqual
Boulderina
Eine persönliche Anmerkung von mir. Auf dem Bild das von Leonie eingefangen wurde, kann man Simons unfassbare Persönlichkeit sehen. Ich möchte beiden auf diese Weise meinen tiefen Respekt und Liebe ausdrücken. Ich vermisse euch. Und wo immer ihr gerade seid, ich hoffe ihr seid glücklich. Beide verstarben am 03.08.2017 bei einer Bergtour am Biancograt in der Schweiz
Pasqual

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